Mit Mama im Gefängnis (2024)

Mit Mama im Gefängnis (1)Wenn Mütter ins Gefängnis müssen, werden die Kinder bestraft. Vor allem, wenn sie in Pflegefamilien oder ins Heim kommen. In Deutschland gibt es zehn Einrichtungen, die straffällig gewordene Mütter gemeinsam mit ihren Kindern aufnehmen. Unter der Bedingung, dass die Strafe der Mutter vor der Einschulung des Kindes abgegolten ist und die Mutter keine akute Suchtproblematik hat. Das Mutter-Kind-Heim der Frankfurter JVA ist eine dieser Institutionen. Unsere Autorin war für einen Tag dort, im offenen und auch im geschlossenen Vollzug und hat Mütter und Kinder durch den Alltag begleitet.

Jede Geschichte beginnt mit einemWort. Manche Geschichten beginnenmit einem Weg. Andere beginnen in einerkalten Nacht vor einer Mauer mitStacheldraht. Manche beginnen mit einemRaubüberfall – mit dem Kind aufdem Rücksitz. Diese Geschichte beginnt mit einem Paragrafen* und miteinem Satz:

Du muss die Tür sssumachen!“

???

„Die Tür! Mach sie sssuuu!“

Es ist ein früher, dunkler Morgen. Wirsind in Frankfurt. Haben die volle Autobahnhinter uns gelassen. Den Stacheldraht,die Mauern. Haben das Handyabgegeben, durften beim Frühstückdabei sein. Zurzeit befinden wir uns inder Kindergruppe, der hauseigenen Kitafür alle Kinder.

„Welche Tür genau?“

Vor uns steht diedreijährige Rana (sämtliche Namender Betroffenen und ihrer Kinder vonder Redaktion geändert). Vorwurfsvollzeigt sie an uns vorbei. Tatsächlich.Eine offene Tür. Schnell eilt Rana zuder in freundlichem Blau gestrichenenTür und schließt sie nachdrücklich. Unsfällt an diesem Tag immer wieder auf,wie sehr die Kinder und ihre Mütterum Anpassung und die strikte Befolgung
der Anstaltsregeln bemüht sind.Jaden und Lina liegen auf der Krabbeldecke. Jaden hat Linas Hosenträger entdeckt.Hingebungsvoll saugt er daran.Die „großen“ Kinder spielen in dem neugestalteten Spiel- und Kletterelement.Selma fährt eine Puppe spazieren. Juliaund Anna spielen Rollenspiele. „FrauMüller, einmal zurAußenpforte!“

11 Uhr. Es gibt Mittagessen. Acht Kinder zwischen sechs Monaten und fünf Jahren sitzen brav auf bunten Stühlen und essen oder werden von drei Erzieherinnen gefüttert. Julia hantiert gekonnt mit Messer und Gabel und will dreimal Nachschlag von dem leckeren Kartoffelbrei. Ben will heute nichts essen. Er sei traurig erklärt Julia. Er vermisse seine Mama. Die ist gerade mit der neu geborenen Schwester unterwegs. Frauen, die im offenen Vollzug sind und gerade nicht arbeiten, dürfen sich frei bewegen. Um 16.30 Uhr kommen die Kinder aus Krippe und Kindergarten. Wo und wie die Mütter mit ihren Kindern zu Abendessen, ist ihnen überlassen. Um 19.30Uhr müssen alle wieder „zuhause“sein. Im Mütter-Kind-Heim, dem Ortohne Namen.Die Kinder nehmen das Gefängnis nichtals Gefängnis war. Aber auch nicht alsZuhause. Es ist innerhalb der Familienein namenloser Ort.

„Fahren wir jetztwieder in den Urlaub zurück?“ fragendie Schwestern Samia und Rana nacheinem Ausflug.

„Jetzt gehen wirwieder rein“,nennt es dervierjährige Tom.„Rein“ ist da, wosie wohnen undsich auskennen.Nur einmal, alsTom zurückinden geschlossenenVollzug zuseiner Mutter gebracht wurde, sah ererstaunt zu einem der ältesten Gebäudedes mächtigen Gebäudekomplexeshinüber und zeigte quer durch den Stacheldraht:

„Da steht ja ein Gefängnis!“

Die Strafvollzugsanstalt in Frankfurt-Preungesheim ist über 100 Jahre alt und das größte Frauengefängnis in Deutschland. Zwei Mutter-Kind-Heime mit insgesamt 23 Plätzen wurden hier vor 20 Jahren für zwei Millionen Mark gebaut. Fünf Plätze im geschlossenen Vollzug, 18 im offenen Bereich. Zurzeit sind im geschlossenen Mutter-Kind-Heim sieben Frauen mit neun Kindern untergebracht. „Wir sind deutlich überbelegt“, erklärt Abteilungsleiter Klaus Hermes. Die geschlossene Abteilung ist zweistöckig aufgebaut, kleine Zimmer-Zellen mit Stuhl, Bett, Schrank, eine Gemeinschaftsküche. Eine Mutter hat ihr Baby im Kinderwagen neben sich. Bis die Kinder sechs Monate alt sind, werden sie von den Müttern betreut. Anschließend kommen sie in die Kindergruppe des offenen Vollzugs. Täglich von 7.30 bis 15.30 Uhr. Den Rest des Tages verbringen die Mütter mit den Kindern. Entweder im Spiel- oder Fernsehzimmer – oder außerhalb auf dem kleinen Spielplatz. Der natürlich von –bunt bemalten – Mauern umgeben ist.

Erzieherin Alexandra Knickmeier kommt mit dem knapp sechsmonatigen Louis zurück vom Kinderarzt. Die Mutter stammt aus Kenia und spricht nur Englisch. Fragend nimmt sie ihr Kind wieder in Empfang. „Das ist eine der schwierigsten Situationen“, erklärt Knickmeier. „Wenn die Kinder krank sind, müssen wir mit der Diagnose der Mutter und dem Kind zum Kinderarzt fahren. Dort bekommen wir eine andere Diagnose, die müssen wir dann der Mutter erklären. Oft kommt es in solchen Situationen zu Konflikten.“ Der kleine Louis hat Neurodermitis, offene wunde Hautstellen im Gesicht. Eine Krankheit, die in Kenia nahezu unbekannt ist. Die Mutter hatte den Kleinen täglich gebadet, so wie sie es auch in Kenia gemacht hätte. Ihr zu erklären, was Neurodermitis ist und was sie dagegen machen muss, wird nicht leicht.

Die Tür zur Nachbarzelle steht offen, obwohl hier ein Neugeborenes mit seiner Mutter liegt. Schwangere werden für die Dauer der Geburt unter Bewachung ins Frankfurter Uniklinikum gefahren. Anschließend geht es sofort zurück in die JVA. Die junge Mutter sieht ratlos und erschöpft aus, ihre Gesichtszüge sind noch wie verwaschen von den Anstrengungen der Geburt. „War die Hebamme schon hier? Klaus Hermes fällt das englische Wort für Hebamme nicht gleich ein. Der kleine Santiago schläft tief und fest. Nur seine Augenlieder zittern ganz zart.

Im offenen Vollzug kommen drei Müttervon Ausflügen in die Stadt zurück.An der Pforte wird ihr „Zeitkontingent“überprüft. Wer länger weggeblieben istals erlaubt, wird zur Rede gestellt. DieMütter müssen ihre Handys an derPforte einschließen, eine junge Fraufragt nach einem Antrag. Sie will übersWochenende nach Hause fahren.Bezahlt wird die Unterbringung der Kindervon den Jugendämtern. Und diemüssen dem vor Antritt der Haft auchzustimmen.

Die Diskussion, ob es Sinn macht, Kinder gemeinsam mit ihren Müttern ins Gefängnis zu schicken, wird nicht nur in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. „Auch intern ist die Frage oft Thema“, erzählt Knickmeier, die seit 2008 in der JVA beschäftigt ist. „Vor allem, wenn wir uns nicht sicher sind, ob der Mutter das Baby nach der Entlassung nicht weggenommen wird, weil sie es nicht versorgen kann. Vor kurzem mussten wir eine psychisch kranke Frau mit Gewalt von ihrem Kind trennen. Das war schrecklich. Zum Glück konnte das Kind zum Vater.“

Für die Kinder aus dem geschlossenen Vollzug sind die Erzieherinnen die Verbindung zur Welt. Die Kinder machen sämtliche Erfahrungen ohne ihre Mütter. Das erste Mal Eis essen, das erste Mal auf der Rolltreppe fahren. Ein langer warmer Sommertag auf dem Wasserspielplatz …„Wir machenregelmäßig Ausflüge. Die Kindersollen sich ja an die Welt da draußengewöhnen!“, erklärt die Erzieherin.

So wie die JVA den Tagesverlauf vorgibt, so bestimmt sie auch die Leitlinien der Erziehung. Viele Mütter wurden in der Vergangenheit selbst geschlagen und sehen Schlagen als ein legitimiertes Mittel der Erziehung. Doch das ist in der JVA streng verboten. „Wir versuchen natürlich soweit es geht auf die kulturellen und persönlichen Hintergründe der Mütter Rücksicht zu nehmen“, erklärt Klaus Hermes. „Aber in erster Linie geht es hier um das Kindeswohl. Das geht immer vor. Die Kinder sollen ja nicht für die Taten der Eltern bestraft werden, sondern einen möglichst guten Start ins Lebenhaben.“

„Die Kinder sollen einen möglichst guten Start ins Leben haben“

Dazu gehört auch, dass dieZeit nach der Haft sorgfältig vorbereitetwird. Die JVA hilft den Müttern beider Wohnungs- und Arbeitssuche. Zudem muss in der Haft eine Ausbildungoder irgendeine Art der Qualifikationerworben werden. „Viele Frauen erlebenim Gefängnis zum ersten Mal eineTagesstruktur mit ihren Kindern, einevernünftige Lebensführung mit regelmäßigenEss- und Schlafenszeiten, undauch das sinnstiftende Element der Arbeit.Die Befriedigung, etwas zu leistenund dafür bezahlt zu werden!“, erläutertHermes.Zu einer gelungenen Resozialisierunggehört auch, dass die Inhaftierten immerwieder motiviert werden, über ihreTat zu sprechen. „Das ist bei den meistensehr unbeliebt. Einer Auseinandersetzungmit der Straftat würden sie amliebsten ausweichen. Und viele verweigernsich auch komplett. Zwingen kannman natürlich niemanden. „Doch nurdurch die Beschäftigung mit der eigenenSchuld kann letztendlich Empathiemit dem Opfer entwickelt werden“, istsich der Abteilungsleiter sicher.

„Am 4. Juni 2013.“

Tanja R. antwortet ohne Zögern, wenn sie nach dem Tag ihrer Ankunft im geschlossenen Vollzug der JVA Frankfurt gefragt wird. Die junge Frau sitzt uns gegenüber am blitzblanken Esstisch. Bis eben hat sie in der „Kinderküche“ gearbeitet. Das Mittagessen gekocht und vorbereitet, den Tisch abgeräumt, die Küche geputzt. Die junge Frau trägt dezente Piercings, lange Haare… sie sieht nett aus, so normal irgendwie.

Tanja R. wurde wegen Raubes zu dreiJahren Haft ohne Bewährung verurteilt. BisNovember 2014 war die 26-Jährige imgeschlossenen Vollzug. Jeden Morgenwurde ihr Sohn von der Erzieherin abgeholtund mit dem Bus in die Krippegefahren. Das war hart für die Mutter,aber auch für denknapp zweijährigenAnton. „Er kam damit überhaupt nichtklar. Vorher waren wir den ganzen Tagzusammen – plötzlich mussten wir unsan Regeln halten, ich musste arbeitenund er in die Krippe.“ Anton hatte ständigWutanfälle. Eine schwierige Zeit.Die ist zum Glück vorbei. Inzwischenist Tanja im offenenVollzug, ihr Sohn geht in einenöffentlichen Kindergarten.Hingebracht und abgeholt wird er von ihr.

Wissen die anderen Kinder im Kindergarten wo er lebt?

„Die Erzieherinnen sind eingeweiht.“

Und die Mütter?

„Bis jetzt hat mich keine darauf angesprochen.Aber ich würde nicht lügen.Ich werde auch mein Kind nicht anlügen.Wenn es mich fragt, wo wir hiersind, werde ich es ihm sagen. Ich habeMist gebaut und werde dafür bestraft.Besser, als dass er die Wahrheit von einemanderen Kind erfährt.“

Gab es keine Alternative? Das Kindbei Verwandten unterzubringen?

„Der Gedanke war da“, … Tanja überlegt.„Ich hätte ihn gern bei meinem Bruder gelassen. Aber der wollte oderkonnte ihn nicht nehmen.“

Und in eine Pflegefamilie?

„Niemals! Das kommt nicht infrage! Aus Angst, mein Kind zu verlieren, binich damals direkt nach dem Urteil nachSpanien abgehauen. Ich wollte michbei Freunden verstecken.Ich konnte nicht glauben,dass es so einenOrt gibt. Ein Gefängnis,in dem man seine Kinderbehalten darf. Ich konnte esnicht glauben, obwohl ich es jaeigentlich wusste. Ich war so fertig mitden Nerven, dass ich gar nichts mehrglauben konnte. Ich dachte, alle belügenmich, um mir mein Kind wegzunehmen.“

Wie konnte es so weit kommen, dieSituation so eskalieren? Tja, wannfing das an …? Vielleicht, als Tanjain der Elternzeit war, alleinerziehend,mit finanziellen Problemen:„Ich hatte große Mietrückstände. Ichwusste nicht mehr weiter. Ich bin von einem Amt zum anderen gerannt, habeum Hilfe gebettelt. Und dann kam einHaftbefehl, plus Räumungsklage. Ichwar verzweifelt. Am Boden.“

Und dann?

„Dann haben mich „Freunde“ gefragt,ob ich mitmachen will.“

Wobei mitmachen?

„Bei dem Raub.“

Eine Bank?

„Eine Spielhalle. Sie brauchten einen Fahrer. Sie wussten, ich hatte große Geldsorgen und ich konnte Autofahren.“

Und dann?

„Der erste Versuch ging schief. Beimzweiten hat es geklappt.“

Bei einem Raub bedroht manMenschen mit Waffen …?

„Wir hatten eine Spielzeugpistole dabei.Keine echte Waffe. Das war meineBedingung. Ich wollte auf keinen Fall,dass jemand verletzt wird.“

Und das Baby?

„Beim ersten Mal hatte ich einen Babysitter,eine Freundin.“

Und beim zweiten Mal?

„Da hat der Babysitter bei dem Raubmitgemacht. Und mein Sohn war auchdabei.“

In dem Auto?

„Ja, auf dem Rücksitz. Im Maxi-Cosy. Der Babysitter hat mich dann am Ende verpfiffen.“

Und die Beute?

„Die hat der Babysitter durchgebracht.Ich glaube, das war der dümmste Rauballer Zeiten.“

Tanjas Bruder überzeugte die jungeFrau damals, aus Spanien zurückzukommenund ihre Strafe anzutreten.„Er gab mir sein Wort, dass ich meinKind nicht verliere. Da bin ich zurückgekommen.Das war die beste Entscheidungmeines Lebens.“

Im Sommer des kommenden Jahres wird Tanja R. entlassen. Dann ist Anton fünf Jahre alt und kann in Freiheit eingeschult werden. Einen neuen Partner hat die junge Frau auch gefunden – schon vor der Haft. Er wusste von allem und steht zu ihr. Anton nennt ihn Papa. Manche Geschichten enden erst im Gefängnis und gehen dann doch gut aus. So wie diese.

Bettina Wolf // Foto: Simon Hofmann

* §§ 80, 142 StVollzG:
Ist das Kind einer Gefangenen nochnicht schulpflichtig, so kann es (…)in der Vollzugsanstalt untergebrachtwerden, in der sich seine Mutterbefindet, wenn dies seinem Wohlentspricht.

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Author: Zonia Mosciski DO

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